Chinesische FDI in Europa sinken auf Vierjahrestief, Nordamerika verzeichnet leichten Anstieg im ersten Halbjahr 2019

By on Juli 11, 2019
  • Europa verzeichnet Rückgang um 26% gegenüber dem Vorjahr auf USD 9 Milliarden; niedrigstes Ergebnis im ersten Halbjahr seit 2015
  • Chinesische Direktinvestitionen (FDI) in den USA um 19% auf USD 3,3 Milliarden gestiegen
  • Verbraucher- und Automobilsektor dominieren mit mehr als 75% der Investitionen aufgrund geringerer Kontrollen
  • Weltweit sank der Wert aller angekündigten globalen M&A-Transaktionen chinesischer Unternehmen im ersten Halbjahr 2019 um 60% auf nur noch USD 20 Milliarden
  • Finnland mit den meisten Investitionen; Schweden, Großbritannien und Italien rückläufig, aber aktiv; Investitionen in Deutschland und Frankreich wesentlich verlangsamt
  • Staatliche Unternehmen verlassen den Markt; 94% der Investitionen stammen aus dem privaten Sektor

Chinesische Unternehmen investierten im ersten Halbjahr 2019 nur USD 12,3 Milliarden in die Volkswirtschaften Europas und Nordamerikas. Das sind 18% weniger Investitionen als im gleichen Zeitraum des Vorjahres – und das niedrigste Investmentvolumen seit 2014. Das geht aus der neuesten Analyse von Baker McKenzie in Zusammenarbeit mit der Rhodium Group hervor. Die Rhodium Group mit Sitz in New York ist ein Rechercheunternehmen, das auf die Analyse der neuesten Trends chinesischer Direktinvestitionen spezialisiert ist.

Nordamerika verzeichnete einen Anstieg von 19% gegenüber dem außergewöhnlich niedrigen Niveau des Vorjahres. Der Zuwachs von 19% entfiel ausschließlich auf die USA, da die Investitionen in Kanada im Jahresvergleich unverändert blieben.

Nach einem starken Start in das Jahr 2019, der vor allem durch den Abschluss von zwei Megatransaktionen angetrieben wurde, die bereits in 2018 in Vorbereitung waren (Shandong Ruyi-Lycra und Anta-Amer), flachte die Aktivität in beiden Regionen schnell ab. In beiden Regionen wurden zusammen USD 12,3 Milliarden an chinesischen FDI-Transaktionen getätigt – USD 3,3 Milliarden in Nordamerika und USD 9 Milliarden in Europa. Die chinesischen Investitionen erreichten im ersten Halbjahr 2017 in Europa mit USD 53,9 Milliarden und in Nordamerika im zweiten Halbjahr 2016 mit USD 28,4 Milliarden ihren Höhepunkt.

Chinesische Investitionen in Europa

In Europa sind die Investitionen trotzdem noch dreimal so hoch wie in Nordamerika. Während der Abwärtstrend ähnlich verläuft, wird das höhere Investitionsniveau in Europa durch Zielgesellschaften widergespiegelt, die der chinesischen Outbound-Politik besser entsprechen, sowie eine geringere politische und regulatorische Kontrolle. Der Anteil der staatlichen Investoren an den Gesamtinvestitionen ist in Europa auf 6% gesunken, nachdem in den letzten fünf Jahren mehr als die Hälfte aller chinesischen Investitionen getätigt wurden.

Die größten Transaktionen im ersten Halbjahr 2019 in Europa waren die Übernahme des finnischen Sportartikelunternehmens Amer durch Anta (USD 5,2 Milliarden – die bisher größte chinesische Investition des Jahres in beiden Regionen), die Übernahme von 51% des schwedischen Elektroautoherstellers NEVS (USD 930 Millionen) durch Evergrande, die Übernahme des britischen Zahlungsunternehmens WorldFirst durch Ant Financial (USD 700 Millionen) und die Übernahme des italienischen Hausgeräteherstellers Candy durch Haier (USD 547 Millionen). Folglich wurde in den nordeuropäischen Ländern ein hohes Investmentvolumen festgestellt, wobei Finnland und Schweden beide große Akquisitionen verzeichneten. Frankreich und Deutschland verbuchten einen Rückgang der Investitionen von 97% bzw. 75%.

„Investoren konzentrieren sich eindeutig auf Transaktionen in Branchen mit geringeren regulatorischen Hürden. Aus den Zahlen geht jedoch hervor, dass Akquisitionen in potenziell problematischen Branchen – wie elektronischer Zahlungsverkehr oder Elektrofahrzeuge – ebenfalls getätigt werden können, wenn Investoren ihre Hausaufgaben machen“, sagte Thomas Gilles, Vorsitzender der EMEA -China Group von Baker McKenzie.

Verschiebung hin zu weniger regulierten Branchen

Im ersten Halbjahr 2019 machten Konsumgüter und Dienstleistungen sowie die Automobilindustrie drei Viertel des gesamten Transaktionsvolumens in Europa und Nordamerika aus. Aufsichtsrechtliche Prüfung drängen Unternehmen aus solchen Sektoren heraus, die von inländischen und ausländischen Regulierungsbehörden untersucht werden.

Automotive war der Sektor, in dem im ersten Halbjahr 2019 die zweithöchsten chinesischen Investitionen in beiden Regionen getätigt wurden, was hauptsächlich an zwei großen Transaktionen lag: In Europa erwarb Evergrande 51% des Elektroautoherstellers NEVS für USD 930 Millionen. In Nordamerika erwarb Envision Energy das Elektrobatteriegeschäft von Nissan in Tennessee.

Weitere wichtige Sektoren, die im ersten Halbjahr 2019 chinesisches Kapital in Europa anzogen, waren Finanz- und Unternehmensdienstleistungen sowie Verkehr und Infrastruktur. In Nordamerika entwickelten sich Gesundheit und Biotechnologie weiterhin gut, in Kanada bildeten Rohstoffe den wichtigsten Sektor.

Weniger abgebrochene Transaktionen; neuer Fokus auf den Datenschutz

Die Anzahl und der Wert der aufgegebenen chinesischen Transaktionen in Europa und Nordamerika gingen weiter zurück. Dies ist zum einen auf die insgesamt geringere Transaktionstätigkeit zurückzuführen, zum anderen auf die zunehmende Zurückhaltung der Investoren bei heiklen Transaktionen. Die jüngsten Maßnahmen des Committee on Foreign Investment in the United States (CFIUS), mit denen zwei chinesische Unternehmen gezwungen wurden, bereits erworbene Vermögenswerte zu veräußern (Dating-App Grindr und Startup-Unternehmen für Gesundheitsdiagnostik PatientsLikeMe), verdeutlichen die wachsenden Bedenken der US-Aufsichtsbehörden im Hinblick auf personenbezogene Daten.

Unsichere Aussichten

Grundsätzlich bleibt die Politik ebenso kritisch wie die Wirtschaft in Bezug auf die Perspektiven für chinesische Investitionen in Europa und Nordamerika. Der Blick in die Zukunft der Transaktions-Pipeline gibt keinen Anlass zu viel Optimismus für das zweite Halbjahr 2019. Die chinesischen Investitionen in Europa und Nordamerika werden voraussichtlich auf dem derzeit niedrigen Niveau bleiben, so dass im zweiten Halbjahr 2019 keine wesentliche Trendwende zu erwarten ist. Im Juni 2019 wurden nur USD 4,6 Milliarden an schwebenden M&A-Transaktionen in Nordamerika und USD 2 Milliarden an schwebenden Transaktionen in Europa verzeichnet.

Thomas Gilles schlussfolgert: „Da Europa neue Richtlinien für das Investitionsscreening umsetzt, werden chinesische Investoren wahrscheinlich einer genaueren Prüfung unterzogen. Viele der im neuen EU-Rahmen festgelegten Kriterien könnten für chinesische Investoren besonders problematisch sein, einschließlich einer besonderen Prüfung für staatliche Investoren.“


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