Tiefstand chinesischer Investitionen in Europa und Nordamerika seit neun Jahren – 2020 deutet Erholung an

  • Chinesische Direktinvestitionen (FDI) in Europa sind 2019 um 40 % und in Nordamerika um 27 % auf USD 19 Milliarden gesunken, den niedrigsten Stand seit 2010 und auf 83 % unter dem Höchststand von USD 107 Milliarden im Jahr 2017. Europa erhielt mehr als das Doppelte der Investitionen (USD 13,4 Milliarden) im Vergleich zu Nordamerika (USD 5,5 Milliarden).
  • Rückgänge sind in Europa und Nordamerika am stärksten, da die chinesischen M&A-Transaktionen im Jahr 2019 weltweit von USD 80 auf USD 57 Milliarden zurückgingen. Dies ist auf die Kapitalkontrolle in China, die geringere Liquidität im chinesischen Finanzsystem und die geopolitischen Spannungen zurückzuführen.
  • Finnland (USD 5,3 Milliarden), Großbritannien (USD 3,8 Milliarden), Schweden (USD 1,3 Milliarden), Deutschland (USD 0,7 Milliarden) und Italien (USD 0,7 Milliarden) verzeichnen die größten chinesischen Investitionen in Europa. Die Investitionen in Irland stiegen um mehr als 50%.
  • Konsumgüter und Dienstleistungen sowie die Automobilindustrie gehörten sowohl in Nordamerika als auch in Europa zu den Top-Sektoren.
  • Die Art der chinesischen Investoren hat sich stark verschoben: In Europa sinkt der Anteil der staatlichen Investitionen auf ein 19-Jahres-Tief. Sowohl in Europa als auch in Nordamerika sind die Finanzinvestoren 2019 fast vollständig verschwunden.
  • Nachlassende Handelsspannungen, Schritte zur Liberalisierung der Politik im Bereich ausländischer Direktinvestitionen in China und mehr Liquidität in der chinesischen Wirtschaft bilden die Grundlage für einen potenziellen Wiederanstieg der chinesischen Auslandsinvestitionen im Jahr 2020.

Die chinesischen ausländischen Direktinvestitionen (Foreign Direkt Investments) in Europa und Nordamerika erreichten 2019 mit nur USD 19 Milliarden abgeschlossener Transaktionen den niedrigsten Stand seit fast einem Jahrzehnt. Das ergab die neueste jährliche Analyse von Baker McKenzie in Zusammenarbeit mit der Rhodium Group. Die Rhodium Group ist darauf spezialisiert, Anlagemuster chinesischer Investoren in den einkommensstarken Wirtschaftssystemen Europas und der USA zu analysieren.

Die Auslandsinvestitionen werden nach wie vor durch eine Reihe von Faktoren belastet, darunter Beschränkungen von Auslandsinvestitionen aus Peking, verstärkte regulatorische Überprüfungen in den USA und Europa, das verlangsamte Wachstum und die geringere Liquidität der chinesischen Wirtschaft sowie die geopolitischen Spannungen zwischen China und anderen Volkswirtschaften.

Weltweit beliefen sich die neu angekündigten chinesischen M&A-Transaktionen im Jahr 2019 auf insgesamt USD 57 Milliarden, ein Rückgang um 29 % gegenüber USD 80 Milliarden im Jahr 2018 – der niedrigste Stand seit sechs Jahren. Diese weitere Verlangsamung der chinesischen M&A-Aktivitäten im Ausland ist ein globales Phänomen. Mit der Ausnahme Lateinamerikas war in allen Regionen der Welt ein Rückgang der chinesischen Aktivitäten im Jahr 2019 gegenüber 2018 zu verzeichnen. Verglichen mit dem Höchststand verzeichneten Europa und Nordamerika jedoch die größten Rückgänge.

Investitionstrends der Chinesen in Europa

Die chinesischen FDI in Europa gingen weiter zurück. Der Gesamtwert der abgeschlossenen Transaktionen für 2019 beträgt USD 13,4 Milliarden: Der niedrigste Stand seit 2013.

„Chinesische Direktinvestitionen sind in Europa mehr als doppelt so hoch wie in Nordamerika. Das Branchenspektrum der Investitionen der Chinesen in Europa ist auch viel breiter gefächert“, kommentiert Thomas Gilles, Leiter der EMEA-China-Gruppe von Baker McKenzie. „Die Deal-Pipeline sieht für 2020 in wichtigen Volkswirtschaften wie Frankreich und Deutschland nach einem relativ ruhigen Jahr 2019 wieder recht gut aus.“

Die chinesischen FDI in Europa im Jahr 2019 stammten aus einer Vielzahl von Transaktionen in verschiedenen Branchen: Zu den Top-Deals gehörten Antas Übernahme von Amer Sports im Wert von USD 5,2 Milliarden, die zusätzliche Investition der Shagang Group in Höhe von USD 2,2 Milliarden in Global Switch, Evergrandes Erwerb von 51% der Anteile an NEVS für USD 930 Millionen, Alibabas Übernahme von World First UK im Wert von USD 700 Millionen und Qingdao Haiers Erwerb von Candy für USD 547 Millionen.

Das durchschnittliche Transaktionsvolumen in Europa erholte sich leicht auf USD 132 Millionen (gegenüber USD 130 Millionen im Jahr 2018, die von USD 267 Millionen im Jahr 2016 und USD 526 Millionen im Jahr 2017 zurückgingen).

Geografische Aufteilung

Die wichtigsten Zielländer für chinesische Investitionen in Europa im Jahr 2019 waren Finnland (Antas Übernahme von Amer), Großbritannien (Jiangsu Shagangs zusätzliche Investition in Global Switch) und Schweden (Evergrandes Erwerb eines 51%-igen Anteils an NEVS). Finnland verzeichnete 2019 das größte Wachstum im Jahresvergleich.

Aufgrund des Brexit war das Vereinigte Königreich während des gesamten Prozesses bislang relativ attraktiv für chinesische Investoren. Da Großbritannien die EU nun verlässt, ist davon auszugehen, dass es sich im Jahr 2020 aktiv um mehr ausländische Investitionen aus China bemühen wird, um die negativen wirtschaftlichen Aspekte des Brexits auszugleichen.

Ein weiteres Land, das ein signifikantes Wachstum verzeichnete, war Irland (über 50%), hauptsächlich aufgrund von Greenfield-Investitionen (Wuxi Biologics und Eurbest). In Osteuropa stiegen die Investitionen in Rumänien sprunghaft auf USD 238 Millionen an, was auf die Übernahme von 15 Getreidesilos und Logistikzentren durch CEE Equity Partner, das neue Joint Venture-Unternehmen von CGN mit Nuclearelectrica, und die Übernahme der KLG Europe-Aktiva in Rumänien durch Sinotrans zurückzuführen ist.

Währenddessen sind die chinesischen Investitionen in Frankreich von USD 1,8 Milliarden im Jahr 2018 auf unter USD 100 Millionen im Jahr 2019 gesunken. Auch die chinesischen Investitionen in Deutschland sanken von USD 2,5 Milliarden im Jahr 2018 auf nur noch USD 0,7 Milliarden im Jahr 2019. Einer der größten prozentualen Rückgänge war Luxemburg (von USD 1,9 Milliarden im Jahr 2018 auf USD 50 Millionen aufgrund eines einmaligen Großauftrags, der Übernahme von BIL durch Legend).

Staatliche und Finanzinvestoren verschwinden aus der Investmentlandschaft

Traditionell gab es in Europa mehr chinesische Investoren in Staatsbesitz, da die Region relativ offen für ausländische Investitionen in Branchen wie Infrastruktur sowie Energie und Grundstoffe ist. Die staatlichen Investitionen machten 2014-2017 mehr als 50% der Gesamtinvestitionen in Europa aus. In den Jahren 2018 und 2019 ging diese Zahl jedoch deutlich zurück. In Nordamerika war der Anteil staatlicher Investoren allgemein niedriger als in Europa, und gelegentliche Aufstockungen waren häufig mit großen Energie- und Bergbaudeals in Kanada verbunden (wie z.B. 2018 und 2019).

Im Jahr 2019 gab es einen weiteren starken Rückgang, so dass inzwischen fast alle chinesischen FDI in Europa und Nordamerika strategische Investitionen im Kerngeschäftsfeld des Investors waren. Der Anteil der finanziell motivierten Investitionen ist in beiden Regionen auf unter fünf Prozent gesunken.

Ausblick auf 2020: Die Suche nach dem treibenden (Bambus)Sprössling

„Eine Kombination von Markt- und politischen Kräften belastet weiterhin die chinesischen Auslandsinvestitionen nach Europa und Nordamerika“, kommentiert Tracy Wut, Leiterin der M&A-Abteilung für Hongkong und China von Baker McKenzie. „Wir sehen jedoch Gründe für ein gewisses Maß an Optimismus, da es eine Reihe von Variablen gibt, die einen Wandel in die richtige Richtung anzeigen und die chinesischen Auslandsinvestitionen dazu bringen könnten, die Talsohle zu durchbrechen und 2020 zu einem bescheidenen Wachstum zurückzukehren.“

Zu diesen Variablen gehören:

  • Mehr Liquidität: Die Liquiditätsbedingungen in der chinesischen Wirtschaft haben sich im Laufe des Jahres 2019 etwas verbessert, und die Offshore-Anleihenaufnahme war solide, was einige Unternehmen in eine bessere Investitionsposition versetzt hat. Allerdings bleiben die Aussichten für den chinesischen Finanzsektor angesichts der Zahlungsausfälle und der Volatilität weiterhin wacklig.
  • Neue Regeln für das Investitionsscreening: Eine rationale und transparente Umsetzung neuer Regelungen in den Vereinigten Staaten und Europa könnte dazu beitragen, die Risikowahrnehmung zu verringern und die Bereitschaft zu Auslandsinvestitionen zu erhöhen, insbesondere eine Überarbeitung der neuen CFIUS-Regeln in den Vereinigten Staaten.
  • Besserer Zugang zu chinesischen Märkten: Chinas jüngste Bemühungen um eine Reform der Regelung für ausländische Direktinvestitionen im Inland und die Schaffung gleicher Wettbewerbsbedingungen könnten dazu beitragen, die ausländischen Bedenken hinsichtlich der mangelnden Gegenseitigkeit beim Marktzugang etwas zu zerstreuen.
  • Nachlassende geopolitische Spannungen: Ein „Phase-1“ -Deal zwischen China und den USA könnte dazu beitragen, dass beide Länder ihre Wirtschaftsbeziehungen wieder rationaler gestalten und die Bedenken der Anleger hinsichtlich der Worst-Case-Ergebnisse zerstreuen.

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