Weltweiter M&A-Boom hält ungebremst an – aber Übernahmeappetit deutscher Konzerne geht zurück

  • Übernahmepläne weltweiter Konzerne auf Rekordniveau: sechs von zehn Unternehmen wollen M&A-Transaktionen tätigen
  • Deutsche Unternehmen deutlich zurückhaltender – jeder dritte deutsche Konzern hat wegen Pandemie Akquisitionen abgesagt
  • Geopolitische Spannungen bereiten deutschen Unternehmen die größten Sorgen
  • Deutsche Unternehmen leiden überdurchschnittlich stark unter gestiegenen Rohstoffpreisen

Deutsche CEOs machen sich wegen zunehmender geopolitischer Spannungen große Sorgen: 65 Prozent der deutschen Konzernlenker bezeichnen geopolitische Konflikte als eines der drei Top-Risiken für die Wachstumsstrategie ihres Unternehmens. Weltweit teilen nur 44 Prozent der CEOs diese Meinung. Auf dem zweiten und dritten Rang im Risiko-Ranking deutscher Unternehmenschefs folgen Cyberattacken (43 Prozent) und der Klimawandel (40 Prozent). Bei Cyber-Risiken zeigen sich die Vorstandschefs weltweit entspannter als ihre deutschen Counterparts: Nur für 30 Prozent der weltweit befragten Top-Manager sind Cyberattacken eines der Top-3-Risiken. Der Klimawandel wird weltweit hingegen von 45 Prozent der Befragten als Top-Risiko bezeichnet – fünf Prozentpunkte mehr als in Deutschland.

Die Sorge vor neuen geopolitischen Konflikten führt dazu, dass viele Unternehmen sich gezwungen sehen, ihre Investitionen entweder zu beschleunigen (32 Prozent aller deutschen Unternehmen) oder zu stoppen (acht Prozent). Eine Verschiebung kommt nur für ein Prozent in Frage.

Handelsstreitigkeiten, bewaffnete Konflikte, ein zunehmender Protektionismus und zuletzt die Pandemie haben dafür gesorgt, dass viele Konzerne ihre weltweiten Produktionsnetze und ihre Lieferketten auf den Prüfstand gestellt haben. Jedes zweite deutsche Unternehmen hat seine Lieferkette angepasst, um geopolitischen Risiken zu begegnen – weltweit liegt der Anteil nur bei 30 Prozent. Eine Anpassung der Lieferketten, um Logistikkosten zu verringern, haben 36 Prozent der deutschen und 31 Prozent der weltweit befragten Unternehmen vorgenommen.

Während der Übernahmeappetit weltweit auf einen neuen Rekordwert gestiegen ist, wollen sich deutsche Konzernchefs vorerst etwas zurückhalten: Der Anteil deutscher Unternehmen, die in den nächsten zwölf Monaten Zukäufe tätigen wollen, ist im Vergleich zum Vorjahr von 64 auf 45 Prozent deutlich gesunken – gegen den globalen Trend: Weltweit steigt der Anteil der Unternehmen mit M&A-Absichten von 48 auf 59 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 2010, als die Umfrage erstmals durchgeführt wurde.

Das sind Ergebnisse des aktuellen „CEO Survey“ von EY. Basis der Studie ist eine Umfrage unter 2.410 Vorstandsvorsitzenden in Großunternehmen weltweit, davon 100 in Deutschland.

Constantin M. Gall, Partner und Leiter des Bereichs Strategy and Transactions bei EY in der Region Westeuropa: „Der M&A Markt brummt – so einen Markt hatten wir noch nie. Weltweit lag die Zahl der Fusionen und Übernahmen zuletzt auf einem Rekordniveau, und angesichts hoher Unternehmensgewinne, hoher Aktienkurse und gleichzeitig niedriger Zinsen ist viel Geld im Markt – es werden teils sehr hohe Preise gezahlt. Hinzu kommt: Viele Branchen erfinden sich derzeit neu – und dazu gehört, dass man das eigene Geschäftsmodell auf den Prüfstand stellt. Unternehmensbereiche, die nicht mehr passen, werden zunehmend rigoros abgestoßen. Die Bereitschaft, auch harte Einschnitte an Geschäftsmodellen und Unternehmensstrukturen durchzuführen, war nie so groß wie heute.“

Die neue Zurückhaltung deutscher Unternehmen, die aus den Befragungsergebnissen abzulesen ist, führt Gall auf mehrere Faktoren zurück: „Die Unternehmensgewinne waren zuletzt auch in Deutschland hoch, und der Transformationsdruck ist auch hierzulande enorm. Allerdings fehlt es in den wichtigen deutschen Industriebranchen zunehmend an attraktiven, verfügbaren und gleichzeitig bezahlbaren Übernahmezielen – denn auch Private Equity-Investoren interessieren sich für attraktive Zielunternehmen und verfügen über erhebliche Finanzmittel.“

Zudem binde die Integration zugekaufter Unternehmen erhebliche Managementkapazitäten – und angesichts brüchiger weltweiter Lieferketten und erheblicher Versorgungsengpässe mit Rohstoffen und Vorprodukten habe die Behebung dieser Probleme womöglich derzeit Priorität, so Gall: „Die weltweite Lieferkettenkrise hat deutsche Unternehmen besonders getroffen. Sie sind so global aufgestellt wie sonst wenige Unternehmen. Ihre Produktions- und Zuliefernetzwerke verteilen sich über den gesamten Globus – jede Störung der weltweiten Lieferketten trifft sie daher besonders stark. Wir erleben die Auswirkungen derzeit in der Chipkrise, die die deutsche Automobilproduktion massiv beeinträchtigt und sogar Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum in Deutschland hat.“

ESG-Aspekte spielen eine immer größere Rolle

Neben dem Management der Lieferketten gewinnt das Thema Nachhaltigkeit in den Vorstandsetagen gerade deutscher Unternehmen zunehmend an Bedeutung, beobachtet Gall: „Immer mehr Unternehmen erkennen, dass eine der entscheidenden Zukunftsfragen ist, wie sie sich aufstellen können, um ihren CO2-Fußabdruck zu minimieren. Optimieren sie ihre Zuliefererkette, indem sie mehr „saubere“ Zulieferer beauftragen? Trennen sie sich von problematischen Unternehmensteilen, die ihre CO2-Bilanz belasten? Wie lässt sich die Produktion „grüner“ machen?“. Gall betont, dass ESG, also Umwelt, Soziales und Unternehmensführung, keine kurzfristige Modeerscheinung sei, sondern immer stärker ein werttreibender Faktor: „Investoren schauen inzwischen ganz genau hin, fordern von den Unternehmen Fortschritte und treiben den Wandel voran. Das ist ein Riesenthema gerade für die deutsche Industrie: Autokonzerne, Chemieunternehmen, Stahlkonzerne – alle stehen bei diesem Punkt vor enormen Herausforderungen“, sagt Gall. Letztlich gehe es gerade beim Thema Dekarbonisierung um die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit ganzer Branchen.

Dementsprechend ist der Anteil der deutschen CEOs, die ESG-Themen als „sehr wichtige“ wertreibende Faktoren identifizieren, überdurchschnittlich hoch: 56 Prozent der deutschen Vorstandsvorsitzenden und nur 38 Prozent aller weltweit befragten CEOs bezeichnen ESG-Faktoren als sehr wichtigen Aspekt im Rahmen der eigenen Strategieüberlegungen. Eine ähnlich große Rolle spielt auf der Agenda der Vorstandsvorsitzenden nur die Umsatzentwicklung (ebenfalls 56 Prozent in Deutschland; 38 Prozent weltweit). Zum Vergleich: Der Faktor Profitabilität wird nur von 31 Prozent der deutschen und 24 Prozent der weltweit befragten Unternehmenschefs als sehr wichtig bezeichnet, Kostensenkungen spielen für jeweils 27 Prozent der Befragten Top-Manager eine sehr große Rolle.

Die Studie „EY CEO Survey“ können Sie hier kostenlos bestellen.