Zahl der Fusionen und Übernahmen in der weltweiten Autoindustrie 2017 leicht gestiegen

By on Oktober 17, 2018
  • Zukäufe im Bereich neue Technologien und Geschäftsmodelle steigen um ein Viertel
  • Vor allem Investitionen im Bereich autonomes Fahren, Elektromobilität und Vernetzung nehmen stark zu
  • Deutsche Automobilunternehmen besonders aktive Käufer
  • Größter M&A-Deal des Jahres in Deutschland

Im vergangenen Jahr wurden in der weltweiten Automobilindustrie 1.238 Unternehmenstransaktionen durchgeführt – das waren 2 Prozent mehr als im Vorjahr. Während es allerdings weniger Übernahmen und Beteiligungen im Bereich traditioneller Technologien gab, ging es bei Transaktionen, die ausschließlich den Erwerb neuer Technologien zum Ziel hatten – etwa im Zusammenhang mit autonomem Fahren, Vernetzung und Elektromobilität –, weiter kräftig aufwärts: Die Zahl solcher Technologieinvestitionen stieg um gut ein Viertel von 104 auf 131, ihr Anteil am gesamten Transaktionsgeschehen kletterte von 9 auf 11 Prozent.

Das stärkste Plus gab es im Bereich autonomes Fahren: Die Zahl der Transaktionen, bei denen entsprechende technologische Kompetenzen zugekauft wurden, stieg von 20 auf 36, nachdem im Jahr 2015 gerade einmal 10 Deals in diesem Segment gezählt worden waren.

Ebenfalls kontinuierlich zugenommen haben in den vergangenen Jahren die Aktivitäten im Bereich Antriebsstrang – darunter fallen Zukäufe in den Segmenten Batterietechnologie, Elektrifizierung und Ladetechnologie: 2017 wurden 42 derartige Übernahmen und Beteiligungen gezählt. 2016 waren es 38, 2015 nur 27.

Das sind Ergebnisse einer Analyse des Prüfungs- und Beratungsunternehmens EY, die M&A-Transaktionen in der weltweiten Automobilindustrie untersucht.

„Die Automobilindustrie steht vor enormen Veränderungen“, beobachtet Constantin M. Gall, Practice Lead Automotive & Transportation bei EY. „Zum einen steht die Transformation des Antriebsstrangs mittels alternativer Technologien bevor. Zum anderen werden die Digitalisierung, aber auch veränderte gesellschaftliche und regulatorische Rahmenbedingungen die Geschäftsmodelle von Automobilherstellern und ihren Zulieferern grundlegend verändern. Beide Trends stellen die Unternehmen vor Herausforderungen, da es hier nicht um die evolutionäre Weiterentwicklung erprobter Technologien und Geschäftsmodelle geht, sondern in vielerlei Hinsicht Neuland betreten wird. Zudem führt die Konvergenz unterschiedlicher Ecosysteme zu einer zusätzlichen Dimension an Komplexität durch weitere Stakeholdergruppen, Interdependenzen und Marktdynamik.“

Entsprechend breit gefächert sind die Transaktionsstrategien der Unternehmen: Sie kaufen Mobilitätsdienstleister wie Taxi-Apps oder Car-Sharing-Anbieter, aber auch Software-Schmieden, die auf künstliche Intelligenz spezialisiert sind, sowie Anbieter von Kartenmaterial. „Niemand kann derzeit mit Sicherheit sagen, wie das Geschäftsmodell der Zukunft aussehen wird, welche neuen Einnahmequellen erschlossen werden und mit welchen Strategien die Unternehmen der sich beschleunigenden Transformation begegnen können“, so Gall. „Fest steht aber: Langfristig wird das Geschäft stärker auf die Erbringung von Dienstleistungen in größeren Ecosystemen und Kollaborationsmodellen fokussiert sein als auf den Verkauf klassischer Assets.“ Besonders populär sei derzeit die Beteiligung an und Finanzierung von Start-ups beziehungsweise universitären Inkubatoren, die neben neuen Geschäftsmodellen auch eine andere Art zu denken mitbringen. Bei der Datenerhebung für die vorliegende Studie wurden solche Transaktionen allerdings mangels Daten in einschlägigen Datenbanken von der Analyse ausgenommen.

Deutsche Autokonzerne bei M&A-Transaktionen ganz vorn dabei
Daimler war im vergangenen Jahr unter den Automobilherstellern mit insgesamt 8 Zukäufen der aktivste Käufer – gefolgt von Renault (7 Transaktionen) und der Volkswagen Gruppe (5 Transaktionen).

Noch stärker als die Hersteller haben sich allerdings im vergangenen Jahr einige Zulieferer auf dem M&A-Markt engagiert: Die australische AMA Group führt mit 11 Transaktionen das Ranking an, gefolgt von der chinesischen Wuxi Commercial Mansion Grand Orient mit 8 Transaktionen.

Bei reinen Technologie-Deals führt ebenfalls Daimler mit 6 Transaktionen das Ranking an – gefolgt vom britischen Zulieferer Aptiv (ehemals Delphi) mit 5 Transaktionen, Continental (4) und Volkswagen (3).

In Summe haben allerdings chinesische Unternehmen im vergangenen Jahr die meisten Technologie-Investitionen getätigt: Insgesamt 35 derartige Investitionen chinesischer Unternehmen wurden 2017 gezählt. Dahinter liegen die Vereinigten Staaten mit 23 Transaktionen, Deutschland mit 16 und Frankreich mit 10 Deals. Unterm Strich sind Deutschland und China Netto-Käufer: Den 16 Zukäufen deutscher Automobilunternehmen im Technologie-Bereich stehen 11 deutsche Unternehmen gegenüber, die aufgekauft wurden. In China liegt das Verhältnis bei 35 (Käufer) zu 31 (Zielunternehmen), während in den USA mehr Unternehmen gekauft wurden als umgekehrt US-Unternehmen Technologie-Unternehmen akquiriert haben.

Wenn deutsche Automobilunternehmen im Technologiebereich zukaufen, handelt es sich bei den Zielunternehmen häufig um ebenfalls deutsche Unternehmen: 7 der 16 Zukäufe deutscher Unternehmen waren innerdeutsche Deals. In 2 Fällen wurde in den USA zugekauft, die übrigen Zielunternehmen kamen etwa aus Frankreich, den Niederlanden, Großbritannien und Israel.

„Die deutschen Autokonzerne treiben den Umbau ihrer Geschäftsmodelle mit Hochdruck voran“, sagt Dr. Marc Förstemann, Partner bei EY in der operativen Restrukturierungs- und Transaktionsberatung. „Sie stellen dabei ihre eigene Unternehmensstruktur auf den Prüfstand und kaufen Know-how und Technologien hinzu.“ In den kommenden Jahren dürfte der Fokus zunehmend auf einer Handvoll Regionen liegen, erwartet Förstemann: „Andere Märkte sind bei Themen wie autonomes Fahren und generell bei digitalen Geschäftsmodellen weiter als Deutschland. In Asien, den USA und Israel gibt es interessante Ansätze und vielversprechende Unternehmen, die in den kommenden Jahren verstärkt in den Blick auch der finanzstarken deutschen Konzerne geraten könnten.“

Im laufenden Jahr tätigten die deutschen Konzerne bereits einige bemerkenswerte Transaktionen im Ausland: So haben sich Porsche, Skoda und Daimler in diesem Jahr am israelischen Start-up Anagog beteiligt, das im Bereich künstliche Intelligenz arbeitet. Und Volkswagen investierte 100 Millionen Euro in QuantumScape, ein US-amerikanisches Start-up für Elektroauto-Batterien.

Übernahme von Stahlgruber größter Automotive-Deals des Jahres
Der größte M&A-Deal im Automobilsektor war im vergangenen Jahr die Übernahme des deutschen Autoteilehändlers Stahlgruber durch die US-amerikanische LKQ für knapp 2,1 Milliarden US-Dollar. Mit 2,0 Milliarden US-Dollar war der Erwerb des britischen Autoteilehändlers Alliance Automotive Group durch die US-amerikanische Genuine Parts der zweitgrößte Deal des Jahres.

Im Technologiebereich war der Kauf des chinesischen Busherstellers Shanghai Sunlong durch das chinesische Technologieunternehmen Dongxu Optoelectronic Technology mit 490 Millionen US-Dollar die größte Transaktion, gefolgt von der Übernahme des Start-ups für autonomes Fahren nuTonomy durch die britische Delphi Automotive für 450 Millionen US-Dollar.

Für 338 Millionen US-Dollar kaufte Porsche SE den Karlsruher Software-Entwickler PTV – das war der viertgrößte Technologie-Deal im vergangenen Jahr und die größte derartige Transaktion mit deutscher Beteiligung.

„Wir sehen immer mehr branchenübergreifende Transaktionen, bei denen entweder Technologieunternehmen Know-how in der Automobilindustrie zukaufen oder sich umgekehrt Autokonzerne mit hochspezialisierten Technologiefirmen verstärken“, beobachtet Gall. „Dieser Trend dürfte sich in Zukunft verstärken, wenn die Branchengrenzen weiter verschwimmen und neue Player in den Markt drängen.“

Download: Technology driven M&A in the automotive industry (PDF – 1,66 MB, 24 Seiten)


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