Deutsche Startups erzielen Rekordbewertungen – und werden zunehmend von ausländischen Unternehmen aufgekauft

  • Einhorn-Boom: Zahl der Startups mit Milliarden-Bewertung stieg 2021 von sechs auf 24
  • Berlin ist Deutschlands Einhorn-Hauptstadt
  • N26, Celonis und Flixmobility erhielten bislang das meiste Kapital

Immer mehr ausländische Investoren kaufen deutsche Startups: Anstieg der M&A-Transaktionen um 90 Prozent
Immer mehr deutsche Startups erreichen Milliarden-Bewertungen und qualifizieren sich damit als sogenannte „Einhörner“: Zu Beginn des Jahres 2022 lag die Zahl dieser Einhörner bei 24 – ein Jahr zuvor waren es nur sechs. Der massive Anstieg ergibt sich auch aus zuletzt sehr hohen Summen, die externe Geldgeber in Deutschlands Top-Startups investiert haben: Allein die 18 deutschen Startups, deren Bewertung im Lauf des Jahres die 1-Milliarde-US-Dollar-Schwelle überschritten hat, sammelten im Jahresverlauf insgesamt 7,1 Milliarden US-Dollar ein.

Das deutsche Startup, in das bislang die höchste Summe investiert wurde, ist das Berliner FinTech N26 – seit der Gründung im Jahr 2013 erhielt das Unternehmen von seinen Geldgebern insgesamt 1,7 Milliarden US-Dollar. Dahinter folgt das Münchner Software-Unternehmen Celonis mit einer Investitionssumme von 1,4 Milliarden US-Dollar und der Münchner Mobilitätsanbieter Flixmobility, der auf 1,3 Milliarden US-Dollar kommt.

Und weitere Einhörner sind im Anmarsch: Insgesamt stieg im vergangenen Jahr die Zahl der Startups, die seit ihrer Gründung mindestens 100 Millionen US-Dollar erhalten haben, von 39 auf 62. 41 dieser Top-Startups haben ihren Sitz in Berlin, 14 in München.

Das sind Ergebnisse der aktuellen EY-Studie „A sky full of Unicorns: German Tech start-ups shape the economy“.

„Das deutsche Startup Ökosystem hat im vergangenen Jahr einen großen Sprung nach vorn gemacht. Es haben so viele Jungunternehmen frisches Kapital erhalten wie nie zuvor, das Gesamtinvestitionsvolumen erreichte ein Rekordniveau und auch die Zahl der Einhörner hat sich vervielfacht“, sagt Dr. Thomas Prüver, Partner bei EY.

Einhorn-Boom hält an

„Im laufenden Jahr werden zahlreiche weitere Unternehmen bei ihrer Bewertung die Milliarden-Grenze überspringen“, erwartet Prüver. Vor allem FinTechs können sich derzeit über hohe Bewertungen freuen: Von den derzeit 24 Einhörnern sind acht Fintechs, jeweils vier sind im Online-Handel oder als Mobilitätsdienstleister, drei sind im Bereich Software & Analytics tätig.

Der signifikante Anstieg der Zahl der Einhörner im Jahr 2021 ist zum Teil auf das relativ niedrige Finanzierungsniveau im stark durch die Pandemie beeinflussten Jahr 2020 zurückzuführen, so Prüver: „Nach der Zurückhaltung im Jahr 2020 war der Anlagedruck bei den Investoren groß, die Schatullen voll. Gleichzeitig ist ein intensiver Wettbewerb um attraktive Zielunternehmen entbrannt, was die Bewertungen nach oben treibt. Und: Das Niedrigzinsumfeld und die Inflationserwartungen haben die Attraktivität alternativer Investitionsmöglichkeiten noch weiter erhöht.“ Hinzu komme, so Prüver, dass die Professionalisierung des Tech-Ökosystems in Deutschland deutlich zugenommen hat, vorangetrieben von dem Netzwerk und dem Kapital früherer erfolgreicher Gründer und Investoren.

Für 2022 erwartet Prüver ein anhaltend starkes Investitionsgeschehen in Deutschland. Dafür dürften nicht zuletzt zahlreiche neue Risikokapitalfonds sorgen, die am deutschen Markt aktiv sind. Allein im vergangenen Jahr erreichte das Gesamtvolumen der neu aufgelegten Fonds mit Deutschland-Fokus ein Volumen von 9,6 Milliarden US-Dollar. Im Vorjahr waren entsprechende Fonds mit einem Gesamtvolumen von 8,6 Milliarden US-Dollar aufgelegt worden. „Die Chancen für vielversprechende Startups, Wachstumskapital zu erhalten, waren nie so gut wie heute“, folgert Prüver.

Mehr Startups werden aufgekauft – zumeist von ausländischen Unternehmen

Die steigende Attraktivität des deutschen Startup-Ökosystems lässt sich auch an der massiv gestiegenen M&A-Aktivität ablesen: Die Zahl der Fusionen und Übernahmen, in die Startups involviert waren, stieg im vergangenen Jahr gegenüber 2020 um 90 Prozent auf 171. Mehr als zwei Drittel der Transaktionen – 68 Prozent – gingen von ausländischen Investoren aus. „Das Interesse an deutschen Startups ist riesengroß – gerade im Ausland. Und es sind vor allem ausländische strategische Investoren, also Unternehmen, die deutsche Jungunternehmen kaufen, um ihr eigenes Produktportfolio zu erweitern.“

Der Hauptgrund für den aktuellen M&A-Boom sei der hohe Bestand an liquiden Mitteln, den die Unternehmen aufgrund ihrer zuletzt guten Geschäftsentwicklung halten. „Günstige Bedingungen für die Akquisitionsfinanzierung und der anhaltende Innovations- und Digitalisierungsdruck dürften die M&A-Aktivitäten weiter ankurbeln“, erwartet Prüver.

Vor allem nordamerikanische Konzerne interessieren sich für deutsche Startups: Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 52 Übernahmen deutscher Jungunternehmen durch US-Unternehmen gezählt – 38 mehr als im Vorjahr. Unternehmen aus dem europäischen Ausland haben 49 deutsche Startups gekauft, während asiatische Unternehmen nur bei 3 Deals zum Zuge kamen. „Deutschland hat sich einen guten Ruf als Startup-Standort erarbeitet, die Sichtbarkeit des deutschen Startup-Ökosystems hat sich in den vergangenen Jahren erheblich verbessert“, sagt Prüver. Das erhöhe die Chancen der Jungunternehmer auf einen erfolgreichen Exit: „Im vergangenen Jahr haben sich die Exit-Möglichkeiten massiv verbessert – sei es durch einen Börsengang oder den Verkauf an einen strategischen oder Finanzinvestor. Damit floss weiteres frisches Geld in das deutsche Startup-Ökosystem, was nun investiert werden kann.“

Die beiden mit Abstand größten Akquisitionen des vergangenen Jahres waren der Erwerb des Berliner Unternehmens-Softwareanbieters Signavio durch SAP sowie den Kauf des Berliner SaaS-Unternehmen Adjust durch das börsennotierte US-Mobile Marketingunternehmen AppLovin für – laut Presseberichten – jeweils 1,2 Milliarden US-Dollar.

Auf das Software & Analytics-Segment entfielen nicht nur die größten M&A-Transaktionen des Jahres, zudem wurden bei 43 Prozent aller M&A-Deals Software-Startups gekauft. E-Commerce und AdTech/Media rangieren mit jeweils 10 Prozent weit dahinter. „Im In- und Ausland ist vor allem deutsche Tech-Expertise gefragt. Die digitale Transformation der Wirtschaft macht junge Technologieunternehmen zu sehr begehrten Transaktionszielen“, sagt Prüver.

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