„Weshalb sind europäische Gesundheitsunternehmen für Investoren spannend“ – Interview mit Dr. Joep Muijrers von Gilde Healthcare

„Der Pool der börsennotierten europäischen Gesundheitsunternehmen ist noch relativ unerschlossen“

Der auf das Gesundheitswesen spezialisierte Investor Gilde Healthcare hat das Investment-Team für seinen Venture & Growth Fonds mit Dr. Joep Muijrers um einen Spezialisten für „Public Equity“ erweitert. Muijrers ist in der Biotech-Branche alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Während seiner zehnjährigen Tätigkeit bei der Investmentfirma LSP erzielte er als Portfolio-Manager eine Gesamtrendite von über 900 % – mehr als das Doppelte der Performance des Nasdaq Biotechnology Index für denselben Zeitraum. Zuvor war er bei der Fortis Bank für Finanzierungen und M&A-Transaktionen von Life-Science-Unternehmen in Europa und den USA zuständig. Zuletzt war er CFO bei der Bostoner Biotechfirma PureTech. Im Interview mit Deal Advisors verrät er, weshalb europäische Gesundheitsunternehmen für Investoren spannend sind und wie er mit Gilde verborgene Werte heben möchte.

Dr. Joep Muijrers, Gilde Healthcare

Als Portfolio Manager für börsennotierte Unternehmen arbeiten Sie nun für einen VC-/PE-Investor, was ist der Hintergrund?

Tatsächlich habe ich in der Vergangenheit sowohl im Venture Capital-Bereich wie im Portfolio Management für börsennotierte Unternehmen gearbeitet. Auch wenn die Investment-Ansätze sich zunächst unterscheiden, es gibt natürlich sehr viele Gemeinsamkeiten bei der fundamentalen Bewertung von Märkten und Unternehmen. Davon abgesehen hat Gilde Healthcare  ein signifikantes Exposure bei gelisteten Unternehmen. Der Grund dafür ist, dass wir eine Reihe von erfolgreichen IPOs unserer Beteiligungen verzeichnen können, von denen wir weiter Anteile halten. Dazu gehören eine Reihe von europäischen Unicorns wie Ascendis, Ablynx und uniQure sowie die an der NASDAQ notierten Unternehmen Eargo, Axonics und Inari Medical. Das mit diesen Beteiligungen verbundene Investitionsvolumen erfordert definitiv einen ein professionelles Management. Darüber hinaus kann unser jüngster Fond, der 2020 geschlossene Gilde Healthcare V, auch direkt in boersennotierte Unternehmen investieren.

Sie verfügen über langjährige Erfahrung am US-Markt, warum kehren Sie nun nach Europa zurück? Was macht für Sie aktuell den europäischen im Vergleich zum US-Markt attraktiv?

Wir schauen sowohl auf den europäischen, als auch auf den US-Markt. Der Stand der Wissenschaft und der Medizin, zwei der treibenden Kräfte in der Gesundheitswirtschaft, befindet sich in beiden Regionen auf Augenhöhe. Das trifft jedoch nicht auf die Bewertungsniveaus für die in diesem Segment tätigen Unternehmen zu. In Europa gibt es viele Unternehmen, die nicht auf dem Radar der Investoren sind. Darunter befinden sich regelrechte Juwelen. Beim Vergleich von Unternehmen in gleichen Entwicklungsstadien wird offensichtlich, dass in den USA deutlich höhere Preise gezahlt werden. Wer wie Gilde nur in das Gesundheitswesen investieren, ist sehr gut positioniert, um der Zeit voraus zu sein und einige dieser versteckten Perlen zu identifizieren und überdurchschnittliche Renditen zu erzielen. Der Pool der börsennotierten europäischen Gesundheitsunternehmen ist noch relativ unerschlossen. Wir sehen hier enormes Potenzial für Investitionen und Perfomance.

Gilde hat bereits eine Reihe europäischer Unternehmen in den USA an die Börse gebracht. Gehen Sie davon aus, dass die Strategie „Einkaufen in Europa und Verkaufen in den USA“ weiter Bestand haben wird oder erwarten Sie ein Angleichen der Bewertungen?

Es gibt eine Reihe von Beispielen europäischer Unternehmen, die in der Lage waren, die Bewertungslücke zu überwinden. Dazu gehören Ablynx, Ascendis, ArgenX, Evotec, Genmab, MorphoSys oder uniQure, um nur einige zu nennen, bei denen Gilde und ich engagiert waren. Basierend auf unserer Erfahrung als Investor werden Unternehmen mit international wettbewerbsfähigen Assets irgendwann von internationalen Investoren aufgegriffen. Unsere Aufgabe ist es, der Kurve voraus zu sein und als Investor einen sinnvollen Mehrwert zu schaffen. Man könnte das quasi als Value-Ansatz in einem Growth-Segment bezeichnen.

Wie beurteilen Sie die Situation für börsennotierte Biotech- und Medizintechnik-Unternehmen in Europa, macht für diese eine stärkere Orientierung in Richtung USA ebenfalls Sinn?

Da gibt es zwei Seiten einer Medaille: Einerseits steckt im US-Aktienmarkt viel mehr Kapital, andererseits ist dort auch der Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Investoren deutlich höher. Es gibt keinen Automatismus im Sinne von „gehe an die Wall Street und Du wirst Deine Marktkapitalisierung signifikant erhöhen“. Unternehmen müssen natürlich gewisse Voraussetzungen mitbringen, um an der US-Börse reüssieren zu können. Diese Voraussetzung müssten sie aber auch erfüllen, um bei uns überhaupt auf dem Radar zu erscheinen. Das ist unter anderem eine internationale Ausrichtung und Wettbewerbsfähigkeit.

Sehen Sie als VC-/PE-Investor öffentlich notierte und potenziell unterbewertete Health-Unternehmen in Europa als mögliche Investmentobjekte?

Darauf gibt es eine eindeutige Antwort: Unbedingt.

Welche Marktsegmente im Bereich Gesundheitsunternehmen halten Sie aktuell für besonders attraktiv, was schauen Sie sich derzeit besonders intensiv an?

Healthtech, Medizintechnik und Therapeutika in der EU und den USA. Innerhalb dieses Bereichs konzentrieren wir uns auf innovative Unternehmen, die eine bessere Versorgung zu geringeren Kosten bieten. Wir haben also ein vergleichsweise breit gefächertes Investitionsspektrum und gehören zu den wenigen Firmen, die den Markt so umfassend abdecken und dafür gleichzeitig eine langjährige Erfolgsbilanz aufweisen können.

Im Vergleich zum US-Markt, aber auch zu China, ist der europäische Markt in Bezug auf die Abnehmerseite stark fragmentiert. Das hat für die Unternehmen viele Nachteile, sehen Sie darin auch Vorteile?

Es stimmt, man kann sagen, wir haben hier einen unvollkommenen Markt. Aus Sicht eines Investors heißt das, es gibt Ungleichgewichte mit Bezug auf Informationen und damit auch auf Bewertungen der Unternehmen. Für einen Investor wie Gilde, der bereit ist sich einzubringen und gegen die Unvollkommenheit anzugehen, öffnen sich dadurch Chancen, verborgene Werte zu heben.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

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Gilde Healthcare ist ein spezialisierter Healthcare-Investor mit einem verwalteten Vermögen von 1,4 Milliarden Euro in zwei Fondsstrategien: Private Equity sowie Venture & Growth Capital. Der Private Equity-Fonds von Gilde Healthcare investiert in profitable europäische Mittelständler und konzentriert sich auf die Benelux- und DACH- Region. Der Private-Equity-Fonds fokussiert sich auf Gesundheits-und Pflegeunternehmen, Dienstleister sowie Anbieter von Medizinprodukten im Gesundheitswesen. Der Venture & Growth Capital Fonds von Gilde Healthcare investiert in Medizintechnik, digitale Gesundheitslösungen und Therapeutika. Die Venture & Growth Portfoliounternehmen sind in Europa und Nordamerika ansässig. – https://gildehealthcare.com/de/

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